Samstag, 1. März 2008

Morgens um 9 beim Neubert

Neubert. Der Name begleitet mich, seit ich über die Kante des Esstischs schauen kann. Schon vor mehr als 30 Jahren bin ich, während meine Eltern irgendeine piefige Sofagarnitur oder ein neues Esszimmer auswählten, in dem mir damals riesengross wirkenden Laden auf Entdeckungsreise gegangen und habe die Verkäuferinnen abwechselnd in den Herzinfarkt oder den Blutrausch getrieben. Manchmal beschleicht mich der Verdacht, der Geburtenknick in den 70ern könnte massgeblich von mir verschuldet sein.

Mit den Rabauken wachsen auch die Läden. Der Neubert ist auch 35 Jahre später ein Halbtagesprogramm. Heute früh um neun war es mal wieder so weit, castagir in der Porzellanabteilung. Zielsicher in seinem Geschmack, steht er vor der teuersten aller Vitrinen, wie könnte es auch anders sein und jongliert Teller, Tassen, Schälchen.

Dorothea Henkel, Porzellanfachverkäuferin mit 200 Jahren Berufserfahrung, setzt ihre Brille auf, die an einer Goldkette hängend vor ihrem Busen baumelt und taxiert castagir. Auf ihrer Stirn blinkt eine Laufschrift. *Aha. Alleinstehender Mann, bestimmt keine Ahnung, braucht vermutlich einen Teller, den er dann eine Woche lang benutzt.*

"Guten Tag, kann ich Ihnen behilflich sein ?" säuselt es in castagirs Ohr, während Dorothea ihm behutsam die 300 Euro teure Teekanne aus den Händen windet und wieder ins Regal stellt.

"Hallihallo. Yup, ich brauch' ein paar Tassen" antwortet castagir flapsig und fädelt mit den nun wieder freien Händen die ganz hinten stehende Suppenterrine an einem wunderschön dekorierten Gedeck Tellerchen und Gläsern vorbei aus dem Regal. "Ich glaub', das da gefällt mir." Dorothea wird nervös.

"Sie haben Geschmack!"
"Ich weiss."
"Ist es denn für jeden Tag oder mehr so für Feiern und Einladungen ?"
"Also, ich will kein Sonntagsgeschirr haben, sondern eins, dass ich benutzen kann."


"Ah. Nunja. Wir hätten da vorne ganz tolle Komplettservices im Angebot, " flötet es erneut von der Seite, während sie in eine beliebige Himmelsrichtung zeigt, wo 100 Meter Luftlinie weiter Berge an Blümchendekors gestapelt sind.

castagir schaut an sich herunter, ob er heute die Hose vergessen hat oder sonst irgendwie besonders schlampig aussieht.

Als Dorothea ebenso genauso behutsam wie vorhin die Terrine aus castagirs Händen zieht und abstellt, und sich umdreht um vor ihm her in die Abteilung mit dem Porzellan für den Polterabend zu gehen, zieht castagir flink die Teekanne erneut aus dem Regal und nimmt sie mit. Er hat Zeit, und will Spass haben.

Einen knapp viertelstündigen Fussmarsch später stehen die beiden in der Abteilung mit den Scherben.

"Sehen Sie, hier gibt es ein wunderschönes Service für zwölf Personen, alles dabei, fast genau so schön wie das, was Sie gerade angeschaut haben !"

Ihr Blick gefriert, als castagir die sauteure Teekanne daneben abstellt und mault: "Na, das passt aber gar nicht so toll zusammen. Haben Sie nicht was, das besser dazu passen könnte ? Das da hat einen hellblauen Rand, und Blümchen, auch wenn sie noch so zart und klein sind, das geht doch nicht. "

Dorothea blickt über die Stapel an Poltergeschirr suchend um sich.
"Ah ! Sie möchten ein reinweisses Service, kommen Sie !" verkündet sie triumphierend und versucht, die Teekanne an sich zu reissen, aber castagir ist schneller.

"Das is doch nicht weiss, vergleichen Sie doch mal!" mault castagir, und stellt die brilliantweisse Teekanne auf einen Stapel Teller, dem man seine windschiefen Bauteile direkt ansieht, weil die Abstände zwischen den Tellerrändern unterschiedlich sind. Vermutlich C-Qualität und von einem zugekifften Vietnamesen bei Vollmond zusammengemanscht.

"Äh naja, das ist natürlich nicht so eine hochwertige Glasur wie bei dem, das Sie im Auge haben, dafür ist es aber auch bei weitem günstiger. Aber ich hätte da noch ein Service, das Ihnen vielleicht eher ..."

castagir beugt sich vor und liest aufmerksam Dorotheas Namensschildchen.
"Also, Frau ... Henkel, wir können meinetwegen den halben Tag durch diesen Laden schleichen und irgendwas suchen, von dem Sie denken, dass ich es mir leisten kann. Wir könnten aber auch einfach dahin zurückgehen, wo wir herkommen und ich mache Ihnen dann eine Liste, was ich alles haben will. Was ist Ihnen denn lieber ?"

Und während castagir sich schon halb umdreht um den Rückmarsch in die Porzellanabteilung anzutreten, fügt er hinzu: "Und ja, ich weiss, dass diese Teekanne hier in meiner Hand 327 Euro kostet. Und ich weiss auch, dass die Frühstücksteller vermutlich mehr als zwei Euro das Stück kosten werden."

Dorothea ist wie ausgewechselt, ihre gesamte Berufserfahrung bricht sich schlagartig Bahn. "Achso, Sie möchten tatsächlich ein so hochwertiges Geschirr haben, Verzeihung, das hatte ich nicht erwartet."

castagir lächelt sie an und erklärt: "Frau Henkel, Sie haben mich dort vor der Vitrine aufgegabelt. Ich stand da allerdings nicht, weil ich mich verlaufen hatte. Geh'n wir ?"

Auf dem Rückmarsch gabelt Dorothea eine weitere Kollegin auf, der sich noch eine beturnschuhte Azubine anschliesst. Schliesslich marschieren sie in halber Kompaniestärke zurück.

"Also" erklärt castagir, "damit hier nicht noch mal Missverständnisse aufkommen, ich will genau dieses Service haben, ich will kein anderes, ich will auch kein billigeres, ich will dieses. Das Einzige was wir noch klären müssen, welches der vier verfügbaren Dekore mir am besten gefällt," und schaut auffordernd in die Runde.

Dorothea lässt ihre ganze Porzellanabteilungsleiterinnenkomptenz spielen. "Edith, Gina, räumt doch mal den Tisch da frei, dann stellen wir Ihnen, Herr castagir, die vier Varianten schnell zusammen. Möchten Sie sich vielleicht ein paar Minuten umsehen, das dauert nur ein paar Momente."

castagir möchte. Während Dorothea, Edit und Gina ein mühsam dekoriertes sturzhässliches Hutschenreuther abdecken um den tischtennisplattengrossen Esstisch frei zu machen, geht castagir in die Besteckabteilung, denn seinen nächsten Anschlag hat er dort geplant.

Er stellt sich mitten in die WMF-Abteilung, bemüht sich möglichst hilflos zu wirken und setzt sein schönstes Landeigesicht auf. Und es funktioniert erneut. Binnen 30 Sekunden steht ein weiteres Muttertier vor ihm und flötet ihn auf bekannte Weise an.

castagir erklärt ihr, dass er seit einem Jahr genau jenes Besteck dort sein Eigen nennt, und noch ein paar Teelöffel haben möchte.

Die Löffelfachverkäuferin ist clever. "Oh, da muss ich nachsehen, ob man das einzeln nachkaufen kann. Haben Sie noch etwas, das Sie sich in der Zwischenzeit ansehen möchten ?" fragt sie freundlich. castagir möchte und verabredet mit ihr einen Termin in der Porzellanabteilung in einer Viertelstunde, sie solle einfach nur nach Dorothea, Edit und Gina suchen, er sei dann nicht weit, und macht sich auf die Glasabteilung.

Eigentlich hatte er vor, dort ein wenig gehbehindert aufzutreten und ab und zu einen erratischen Schritt zur Seite zu machen. Aber er befand, er habe an sich schon Spass genug für einen Vormittag gehabt. Die gleiche Haltung, der gleiche Blick, das nächste Muttertier.

"Kann ich Ihnen helfen ?"
"Au ja bitte, ich brauch' ein paar Gläser."
"Was für welche hätten Sie denn gerne?"
"Naja, primär solche, wo man draus trinken kann, nee Spass, ich suche ein paar schöne Weingläser."
"Haben Sie an etwas bestimmtes gedacht ?"


*Haben Sie an etwas bestimmtes gedacht?* hält castagir hingegen für eine der dämlichsten Fragen, die ein Verkäufer einem Kunden stellen kann. Hätte castagir an etwas bestimmtes gedacht, dann hätte er sich nicht wie ein hingeschissenes Fragezeichen mitten in der Abteilung aufgebaut und suchend um sich geblickt.

"Nein, ich weiss noch nicht genau, was ich möchte, ausserdem muss es zu dem Service passen, dass ich mir ausgesucht habe."
"Aha, und welches Service haben Sie ausgewählt ?"
"Naja, das da hinten, das weisse da."
verkündet castagir und wedelt unbestimmt in die Richtung der Vitrinen. "Sie haben hier aber viele schöne Gläser, und bestimmt passen nicht alle dazu, da wird es schwer, sich zu entscheiden." meint er und schaut die Glasfachverkäuferin auffordernd an. Bei dieser macht es zehn Sekunden später *click*
"Ich könnte Ihnen ja einige Gläser in die Porzellanabteilung bringen, dann könnten wir sie neben ein Gedeck stellen ?"
"Au ja, das ist eine tolle Idee. Das da, die Serie da, und vielleicht auch noch diese hier. Da hinten, wo Dorothea, Edith und Gina sind, da sind Sie richtig, ich schau mich noch ein wenig um" meint castagir.

Zehn Minuten später schlägt castagir in der Porzellanabteilung auf, wo die Damen inzwischen ganze Arbeit geleistet haben.

"Wunderschön!" lobt er die anwesenden Damen, "das haben Sie ja fantastisch hinbekommen!" Stolzes Strahlen um ihn herum. Doris, die Besteckfachverkäuferin deutet auf die Löffelchen, die sie einzeln auf den Teeuntertellern abgelegt hat. castagir strahlt zurück und beginnt, den Tisch genau zu untersuchen.

Kaum hat er ein "Na, das da ist aber nicht so schön" fertig gemurmelt, verschwindet Dekor Nummer eins vom Tisch, während Dorothea geschäftig neben castagir her um den Tisch wandert. Bückt er sich, bückt sie sich ebenso.

Edith, Gina und die unbekannte Löffelverkäuferin sortieren das abgeräumte Zeug zurück in die Auslage, als Doris, die Glasfachverkäuferin, im Schlepptau eine weitere Azubine, angerannt kommt. Sie hätte besser einen zehnarmigen Oktopus als Azubine haben sollen, so viele Gläser balancieren die beiden. Gerade als sie eine Glasserie kulinarisch korrekt vor Dekor zwei aufbauen wollen, zieht Edith es vom Tisch, die Gläser stehen alleine da. Doris und Edith schauen sich ernst an, während castagir lächelnd bemerkt "Das Dekor da ist schon ausgeschieden, war wohl ein Missverständnis", und die aufkeimende Spannung aus der Veranstaltung nimmt.

Begleitet von mittlerweile sechs Verkäuferinnen trifft castagir schliesslich seine Wahl. "Das da isses" verkündet er. "Die Gläser da hätte ich gern dazu, und natürlich die Löffelchen" fügt er hinzu, woraufhin Doris und die unbekannte Löffelfachverkäuferin freudestrahlend die restliche halbe Tonne Glas wieder einsammeln. Applaus liegt in der Luft als Dorothea verkündet, castagir habe eine exzellente Wahl getroffen.

Gefolgt vom vollständigen Tross an bepackten Fachverkäuferinnen und Azubinen marschiert castagir in Richtung der Porzellanabteilungshaupttheke. Dort warten seit rund einer halben Stunde mittlerweile knapp 10 weitere Kunden und fragen sich vermutlich, ob der Laden überhaupt schon auf hat. Aber sie haben sich zu früh gefreut, denn die ganze Truppe beginnt nun, das Porzellan der Wahl epileptikersicher zu verpacken, während Dorothea für castagir gern noch den halben Katalog des Herstellers kopiert, damit er auch sämtliche Zubehörteile kennt, die man leider nicht in der Ausstellung habe.

Auf dem Weg zur Kasse beginnt sich die Versammlung aufzulösen, nur noch zwei Damen im Schlepptau gelangt castagir an seinen knapp 2 Meter langen Kassenzettel.

Am Auto angekommen stellt castagir erneut fest, dass dieses bei weitem zu klein ist für eine Person.
Daheim angekommen stellt er fest dass es eine Scheissidee ist, im zweiten Stock zu wohnen.
Als er zum dritten mal mit einem Berg von Einwickelpapier zur Papiertonne geht stellt er fest, dass ein Kubikmeter Inhalt gar nicht so viel ist, wie er immer gedacht hatte.

Bis Mitte nächster Woche ist er nicht erreichbar. Denn auf jedem der Teile klebt ein Etikett. Eines, das sich wunderbar abziehen liesse, wäre es nicht an jeder Seite zweimal eingeschnitten, so dass jedes Etikett quasi aus neun Einzelteilen besteht.

Dienstag, 26. Februar 2008

Bitkönig II

- Den rotglühenden Beta entschärft und die Zünder rausgebaut.
- Alpha abgeklemmt.
- Auf die Frage was damit geschehen soll, "Bepflanzen ?" vorgeschlagen.
- Wäre geschehen, hätte Bitkönig 2 nicht "Macht einen Hasenstall draus" vorgeschlagen.
- Alpha2 angeklemmt.
- Endlosen dumps beim Einlesen zugeschaut.
- In der Zwischenzeit aus Langeweile die bislang unbewiesene Keplersche Vermutung unter Zuhilfename einer Familienpackung Mozartkugeln gelöst. Es existierte ein gewisser Zeitdruck weil Bitkönig2 laufend das Experimentiermaterial dezimiert hat.
- Den besten Elektriker der Welt daran gehindert, parallel "schnell mal was am Netzwerk zu machen". Wieder zuwenig Snickers dabei gehabt.
- Alphas Schicksal bleibt weiterhin ungeklärt.
- Vor Mitternacht zuhause gewesen.
- Ohne hinter einem Schwertransporter her zu gondeln.
- Pläne B und C nicht gebraucht.

Sonntag, 24. Februar 2008

Zielfehler

Entrümpeln im Hirn funktioniert nicht wie gewünscht. Habe mir beim kontemplativen Bügeln, während ich an eine besonders widerliche Baustelle dachte, das Bügeleisen quer über die linke Hand gefahren. Und während ich ein anderes Projekt überdachte und überlegte, wie ich es am besten loswerden kann, versehentlich einen Dampfstoss statt an den Hemdkragen gegen den Bauch gesetzt. Beschlossen, dies als Omen und richtungsweisend zu nehmen.

Aber das kann ja nicht der Weg sein. Auf diese Tour bin ich vollends verstümmelt, bis ich vom grossen Orakel Antworten auf alle akut offenen Fragen bekommen habe.

Daraufhin kleine Zettel beschriftet und an die Dartscheibe gehängt. Was ich treffe, wird abgelegt, abgeschafft, abgewürgt.

Habe zwei Vasen und ein Thermometer erlegt. Der Plüsch-Papagei sitzt seit mehreren Stunden verstört auf der Anrichte. Bin nach wie vor unzufrieden mit dem Ergebnis.

Freitag, 22. Februar 2008

Bitkönig

Der Tag davor. Es ging mir nicht besonders, also hatte ich die Planung über den Haufen geworfen und mittags den Feierabend eingeläutet. Ein wenig Einkaufen, um mich einem gepflegten Nachmittag der Erholung hinzugeben, war der neue Plan.

Er hatte einen anderen Plan. Seine grosse Weisheit sagt ihm anscheinend, mir sei am besten mit Action zu helfen. Vielleicht hat er aber auch nur einen schrägen Humor. Egal, der grosse Stratege wird schon wissen was er tut.

Grad zuhause angekommen jedenfalls bimmelte das Handy, Datenmassaker im Hauptserver. Umdrehen, zurück ins Büro, Lage checken. Lage beschissen. Stundenlange Notfallreparatur über die Datenleitung. Für eine Nachtschicht war ich wirklich nicht in der Lage, es musste irgendwie auch so gehen.

Die Nacht war kurz. Schmerzen in den Halswirbeln und Stechen in der Seele. Oder andersrum. Die Planung sah für den Morgen einen Termin bei der Knochenverbiegerin vor, wenigstens eins davon kann man ja reparieren lassen.

07:00 Das Handy bimmelt, der Lautsprecher springt fast aus dem Gehäuse, ich werde wach. Er hat umgeplant, schon wieder. Mit der Zahnbürste in der Klappe und ohne Socken nehme ich die Desastermeldungen der vergangenen Nacht entgegen. Die Anlage steht.

07:30 Mit noch leicht verwaschenem Blick kippe ich zwei Becher Kaffee in mich rein, schnappe mein Notebook und renne zum Auto. Die Knochenverbiegerin wird informiert, dass das heute nichts werden wird und ich mir die Knochen selber verbiege.

08:00 Das Büro mit seiner operativen Hektik und den 9-to-5-Insassen langweilt mich auch heute wieder. Noch in der Lobby wird Bitkönig zwo informiert, denn dieses Desaster ist ein zwei-Personen-Desaster, keine Solonummer.

08:30 Das Blaulicht auf dem Dach, die Notebooks auf der Rückbank rasen wir ... zum Kollegen nach Hause. Diese Anlage ist wirklich nicht für gute Klamotten gemacht und eine Chance zum richtigen Einkleiden hatte ja nur ich.

09:00 Zwei Zerlumpte rasen durch die Lande. Normalerweise wäre das die Zeit wo ich damit beginnen kann, meinen Namen zu buchstabieren.

11:00 Parkplatz. Dort wo normalerweise Laster stehen, steht nichts. Dort von wo normalerweise die Geräusche einer Produktion herüberdringen, dringt der Furz eines Eichhörnchens an mein Ohr. Der Patient ist anscheinend ziemlich tot.

11:30 Die Obduktion beginnt. Zwei elfjährige Server liegen auf dem Seziertisch. Alpha ist hirntot, gibt nur noch ein müdes Röcheln von sich und hat bis auf eine sämtliche Platten verloren. Sie haben ihn in der Nacht alle 30 Minuten gebootet, um wenigstens 10 Minuten am Stück noch arbeiten zu können. Beta schnauft wie ein rachitischer Gaul und ist nur damit beschäftigt, die durchs Booten ständig abreissenden Datenbankverbindungen zu Alpha wiederherzustellen.

12:00 Er hat doch ein Herz. Keine Leberkässemmeln, Wurst, Schinken, Körnerbrötchen !

13:00 Standardprozedur ist es, die Daten zu sichern und zu reparieren. Gigabytegrosse Datenbanken reagieren gerne mit einem allergischen Schock, wenn man ihre Maschinen schneller bootet als sie ihr Hochfahren abgeschlossen haben. Wie gut, dass Alpha seine Daten nur noch byteweise von sich gibt, das macht jede Aktion schneckenlangsam und man hat genug Zeit, die nächsten Schritte zu überdenken..

15:00 Wir können zwar nicht produzieren, aber wir wissen ganz genau, was wir wann von 2004 bis gestern nacht in jede Verpackungseinheit gefüllt haben. Ist ja auch schön.

16:00 Plan A sieht vor, Alpha wiederzubeleben. Das Eventlog reicht gerade mal sechs Stunden zurück und ist ausschliesslich rot. Das ist ungefähr so, als würde man vom Hochhaus springen, unten auf der Strasse vom Bus überfahren und anschliessend mit einem Presslufthammer sanft in den Asphalt einmassiert werden. Und der Notarzt würde neben einem knien und sagen: "Hey, kein Thema, den Termin in zwei Stunden zum Fussballspielen schaffen Sie! Privat oder Kasse ?"

18:00 Plan A ist überraschend gescheitert. Er mag ja vielleicht Wunder wirken, Marienstatuen zum Weinen bringen und Tote lebendig machen können. Ich kann auch Wunder wirken und Frauen zum Weinen bringen, aber das mit dem Tote aufwecken steht nicht auf meiner Skill-Card. Wir sind halt doch alle irgendwie spezialisiert.

18:30 Der Ersatzserver für den verblichenen Alpha steht im Büro 150 km weiter. Jungfräulich, uninstalliert, seine planmässige Geburt steht in einer Woche bevor. Mit den geeigneten Medikamenten wäre es eventuell möglich, die Wehen innerhalb von 12 bis 24 Stunden einzuleiten.

19:00 Plan B wird geschmiedet. Er sieht vor, Alpha2 trotzdem liefern zu lassen, ihn provisorisch hinzuflicken und anzuschliessen. Könnte bis zur Frühschicht klappen.

19:30 Könnte. Denn die 9-to-5-Fraktion sitzt bereits im Reihenhaus, badet die gestressten Hinterbacken und lässt sich berichten, dass Lars-Kevin heute im Kindergarten eine Blume gemalt hat. Alpha2 steht hinter Panzertüren. Der Schlüssel dazu liegt im Safe. Alle Leute die die Safekombination kennen, sind nicht erreichbar. Plan B wird direkt neben Alpha beerdigt. Die Ansprache ist kurz, aber knapp und besteht eigentlich ausschliesslich aus Schimpfwörtern.

20:00 Die Versorgungslage ist schlecht. Als sich um 17 Uhr abzeichnete, der Tag könnte ein klein wenig länger werden, hatte ich, wie die Werbung es mir empfiehlt, zwei Snickers gekauft. Das war ein Fehler, 20 Stück wären näher dran gewesen.

20:30 Plan A und Alpha werden exhumiert.

23:00 Die Nachtschicht, die sich bereits auf einen ruhigeren Verlauf eingestellt und im Pausenraum auf die Bänke gelegt hatte, wird aufgeweckt. Operationen am offenen Herzen , Stromschläge, Dumps und hochdosierte Installations-CD brachten Alpha zurück ins Leben. Für exakt 10 Minuten. Die Nachtschicht legt sich wieder hin.

23:30 Plan A und die Reste von Alpha werden eingeäschert. Ich muss ein klein wenig weinen. Er hat Eisregen geschickt.

00:00 Nach 12 Stunden beginnt die Konzentration nachzulassen, alberne Ideen brechen sich Bahn. Dies ist die Geburtsstunde von Plan C. Plan C ist von seiner Konzeption her einfach und klingt vollkommen sinnlos. Wenn Alpha schon tot ist, was soll Beta dann tun. Man sollte ihm helfen, Alpha baldmöglichst nachfolgen zu können. Am besten durch exzessive Überlastung.

00:15 Der rachitische Beta wird gedopt. Er ist mit seinen eigentlichen Aufgaben schon hart an der Grenze, nun wird er gnadenlos überlastet. Er beginnt dicke Backen zu machen, als Gigabyte um Gigabyte an Daten und Software auf ihm landen. Betas Platten sind vergleichbar mit Damenhandtaschen, dem einzig anderen Gegenstand im Universum, der mehr enthält, als laut gängiger physikalischer Grenzen möglich ist.

02:30 Die Nachtschicht wird erneut von den Bänken geholt. Die Produktion läuft an. Beta bricht auf der Stelle zusammen.

02:45 Pragmatismus macht sich breit. Noch mehr an früher total wichtigen, in der aktuellen Situation aber vollkommen verzichtbaren Funktionen auf Beta werden abgeschaltet, abgeklemmt, totgelegt. Die Nachtschicht wird auf dem Weg zu den Bänken abgefangen und wieder ins Werk geschickt. Die Produktion läuft an. Keiner rechnet ernsthaft damit, dass sie länger laufen wird als eine Stunde.

03:45 Beta läuft noch immer. Er ist irgendwo in der Mitte zwischen Rot- und Weissglut, aber er hält durch.

04:00 Wir rücken ab. Das Besprechungszimmer, das wir innerhalb von 17 Stunden in einer wirklich beeindruckenden Weise verwüstet hatten, wird provisorisch hergerichtet.

05:00 Auf der Autobahn gondeln wir mit 40 Sachen hinter einem Schwertransport her, der nicht überholt werden kann. Ja, Er hat uns einen Erfolg geschenkt. Aber nicht, ohne seinem bizarren Humor noch ein kleines Stückchen Zucker zu geben.

07:00 Ich lege eine Klamottenspur vom Auto zum Schlafzimmer und falle schlafend neben das Bett.

08:15 Das Telefon klingelt. Ich stehe mit tellergrossen Augen und klopfendem Herzen im Bett. "Sie haben bei unserem Preisausschreiben gewonnen. Rufen Sie unter dieser Nummer zurück" tönt es von einem Band. Sämtliche Telefone werden abgeschaltet.

12:00 Für Seelenstechen bin ich zu müde, aber die Halswirbel treiben mich aus dem Bett. Wenn ich schon nicht schlafen kann, kann ich auch ins Büro fahren. Die 9-to-5-Fraktion ist vollständig anwesend. Bitkönig zwo fehlt. Er hat keine verbogenen Wirbel und kann daher offenbar besser schlafen.

17:00 Kleine Kreise erscheinen vor meinen Augen. Ich beschliesse dem rosa Kaninchen zu folgen, das mich nach Hause bringt und falle erneut in mein Bett.

01:30 Acht Stunden Schlaf wirken Wunder. Nur was zum Henker soll ich um 1 Uhr dreissig in der Nacht machen, wenn ich quietsch-wach in der Landschaft stehe ? Ist irgendwo vielleicht ein Server kaputt ? Ein unlösbares Problem, anyone ?

Und die 9-to-5-Fraktion schlummert süss und selig und träumt davon, dass Lars-Kevin gestern einen Baum gemalt hat.

Montag, 18. Februar 2008

Selbstanzeige

Sich selbst anzuzeigen ist seit dem Wochenende ja schwer in Mode. Da will ich natürlich auch nicht feige sein und zeige mich hiermit selbst an wegen u.a.:

- Bezahlens der Putzfrau (Ausbeutung / Kapitalismus)
- Verbrennens von Holzscheiten im Kamin (Umweltverschmutzung)
- Überfliegens der BILD-Schlagzeilen beim Bäcker (Selbstverstümmelung / Selbstverdummung)
- Schnellen Fahrens nicht aus Notwendigkeit sondern aus purem Vergnügen (Umweltverschmutzung)
- Fortgesetzten Kaffeetrinkens während der nachmittäglichen Bürozeiten (Faulheit)
- Tragen eines olivgrünen Hemds zu einer blauen Jeans (Modischer Ignoranz)
- Zubereitens von verboten leckeren gebratenen Nudeln und anschliessender Verspeisung einer unmenschlichen Portion derselben (Völlerei) in Tateinheit mit Geniessens eines hervorragenden Rotweins (Genusssucht)

So Leute, auf mich mit Gebrüll. Klaut meine Daten, irgendein Schlapphut wird sie schon kaufen und ihr werdet reich. Und bitte keine moralischen Bedenken, dem Richter erzähle ich was von schwerer Kindheit.

Aber bei meinem beschissenen Karma kommt vermutlich nur der Gemeindepfarrer und klagt mich an wegen fortgesetztem Atheismus.
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a life less ordinary ?

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